Die Biozyklisch-Veganen Richtlinien stehen in ihrer, der IFOAM zur Aufnahme in die IFOAM Family of Standards vorgelegten, englischen Version zum Download bereit.

Hier finden Sie die aktuellste deutsche Fassung der Biozyklisch-Veganen Richtlinien, sowie alle separaten Anhänge:

Einführung

Die Bedeutung des Begriffs „biozyklisch“

Die heute vorherrschende Form der Landwirtschaft ist gekennzeichnet durch eine nicht geschlossene Produktionsweise, bei der der Mensch die Ressourcen der Natur nutzt, ohne dafür einen entsprechenden Ausgleich zu schaffen, welcher ihm die dauernde und uneingeschränkte Verfügbarkeit dieser Ressourcen auch in Zukunft sichern würde. Im Gegensatz zu diesem nicht-nachhaltigen Ansatz steht die biozyklische Idee, deren Ziel die Erhaltung bzw. Wiederherstellung gesunder Lebenskreisläufe (gr.: „bios” = Leben + „kyklos” = Kreislauf) in umfassendem Sinne ist, und zwar in allen Bereichen der menschlichen Existenz. Dies betrifft das Verhältnis des Menschen zu seiner gesamten Mitwelt – zu Menschen, Tieren und auch zu Pflanzen – und bedingt einen verantwortungsvollen Umgang mit der von ihm genutzten und beeinflussten Umwelt. Jegliches Handeln und Wirtschaften sollte daher in ganzheitlichem Kontext erfolgen mit dem Ziel, auch im Bereich der Agrar- und Ernährungswirtschaft einen bewussten und nachhaltigen Beitrag für eine zukunftsfähige Entwicklung zu leisten.

Um Naturprodukte aus gesunden Kreisläufen zu erzeugen, ist ein Ansatz erforderlich, der vom gesunden Boden über die gesunde Pflanze zum gesunden Menschen führt. Nur so kann der biozyklische „Kreislauf der lebendigen Substanz“ (Dr. med. habil. Hans-Peter Rusch) lückenlos und nachhaltig im Einklang mit den Naturgesetzen beeinflusst und veredelt werden. Nur kreislaufbetontes Wirtschaften führt aufgrund systemkompatibler Vernetzungen zu einer gleichzeitigen multiplen Nutzenstiftung in verschiedenen Bereichen wie Gesundheit, Umwelt, Welternährung und Tierethik.

Die biozyklischen Richtlinien im Rahmen des ökologischen Landbaus

Die biozyklischen Richtlinien sind aus dem Bestreben von Adolf Hoops und Dr. agr. Johannes Eisenbach entstanden, den Ökolandbau unter besonderer Betonung der biozyklischen Prinzipien zu fördern. Sie richten sich an jene ökologisch wirtschaftenden Landwirte und Gärtner, welche sich der Bedeutung der Wiederherstellung und Erhaltung natürlicher Lebenskreisläufe  und der natürlichen Bodenfruchtbarkeit als dem Ausgangspunkt für eine im umfassenden Sinne nachhaltige landwirtschaftliche Produktion bewusst geworden sind.

Von den biozyklischen Richtlinien Standards zu den Richtlinien für biozyklisch-veganen Anbau

Notwendigkeit der Abkehr von der landwirtschaftlichen Tierhaltung

Eine zunehmende Zahl von wissenschaftlichen Studien aus den unterschiedlichsten Fachgebieten belegt eindeutig, dass die derzeitige Produktion und der Konsum von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs mit gravierenden negativen Effekten für Umwelt, Klima, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und Ernährungssicherung – auch in globaler Dimension – einhergehen. Zudem sind die Produktionsbedingungen, wie sie sich aus der vorherrschenden Praxis der Zucht, der Haltung, des Transports und der Schlachtung von Tieren ergeben, aus ethischer Sicht schon lange nicht mehr tragbar.

Zwar gibt es Bestrebungen, den Konsum von Produkten tierischen Ursprungs zu reduzieren und auch in der konventionellen Landwirtschaft die Haltungsbedingungen von Nutz- und Schlachttieren artgerechter zu gestalten. Vor dem Hintergrund der regionalen und globalen Herausforderungen sowie der derzeitigen gesellschaftlich stark voranschreitenden moralischen Aufwertung der Tiere, die sich u. a. auf einen fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu den Potentialen tierlicher Intelligenz, Empfindsamkeit – und damit auch tierlicher Leidensfähigkeit – gründet und die zu einer grundlegenden Neubewertung des Mensch-Tier-Verhältnisses führt, sind derartige „Tierwohl“-Initiativen für eine „artgerechte“ bzw. „wesensgemäße“ Tierhaltung nicht wirklich überzeugend. Es zeigt sich vielmehr immer deutlicher die ethische Notwendigkeit, in Zukunft gänzlich vom Konsum tierischer Produkte abzusehen. Einer solchen Zielsetzung steht jedoch eine Landwirtschaft, die von ihrem Selbstverständnis her an die Herstellung von Erzeugnissen tierischen Ursprungs gekoppelt ist, in letzter Konsequenz entgegen.

Biozyklisch-veganer Anbau als weltweite Alternative

In weiten Kreisen gilt es inzwischen als anerkannt, dass eine globale Ausweitung der ökologischen Landwirtschaft einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung leisten könnte. Aber es wird selten bedacht, dass eine solche von ihren Ansätzen her sicher begrüßenswerte Ausweitung des Ökolandbaus unter Beibehaltung der bislang praktizierten Methoden, welche eine Kombination von Tierhaltung- und Pflanzenbau zur Grundlage haben, aus den im vorigen Abschnitt genannten Gründen nicht wirklich zielführend ist.

Demgegenüber geht die biozyklische Idee davon aus, dass es erforderlich und möglich ist, auch ohne die Züchtung und Haltung von Schlachttieren und ohne den Einsatz von Betriebsmitteln tierischen Ursprungs eine größtmögliche natürliche Bodenfruchtbarkeit zu erhalten bzw. aufzubauen und dabei gleichzeitig eine ganzheitlich wirkende biozyklische Betriebseinheit auf ökologischer Grundlage zu schaffen. Dabei dürfen die zur Gewinnung von Nahrungsmitteln für den Menschen herangezogenen landwirtschaftlichen Flächen weder mit tierischem Dung (Gülle und Festmist), ob in frischer oder kompostierter Form, noch Schlachtabfällen jedweder Art oder anderen Präparaten tierischen Ursprungs gedüngt oder anderweitig behandelt werden.

Diese Prinzipien wurden bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von ersten Landbaupionieren aus der Vegetarier- und Reformbewegung  postuliert und später in den fünfziger Jahren von Adolf Hoops weiterentwickelt. Sie haben sich seitdem in der Praxis vielfach bewährt und stehen heute als „biozyklische Richtlinien“ in vollem Einklang mit den Anforderungen an eine bio-vegane Landbewirtschaftung, wie sie in den letzten Jahrzehnten von anderer Seite formuliert wurden. Zur Verdeutlichung dieses Aspektes werden sie nachfolgend nunmehr „biozyklisch-vegan“ genannt.

Die biozyklisch-vegane Bewirtschaftungsweise bietet sich nicht nur als Alternative in Regionen der gemäßigten Zonen mit klassischen Gemischtbetrieben an, sondern in besonderem Maße auch dort, wo eine Kombination aus Pflanzenbau und Tierhaltung traditionell nicht gegeben bzw. nicht möglich ist.

Ausblick

Mit der bevorstehenden Etablierung und Ausbreitung des biozyklisch-veganen Anbaus eröffnet sich neben den oben genannten Potentialen in ökologischer und tierethischer Hinsicht auch ein breites Feld für weiterführende auch allgemein dem ökologischen Landbau zuträgliche Forschungsvorhaben, die dazu beitragen können, die mikrobiologischen Mechanismen, welche zu den in der Praxis beobachteten Ergebnissen im Zusammenhang mit dem Einsatz von biozyklischer Humuserde führen, noch besser zu verstehen und neue Anhaltspunkte für eine Weiterentwicklung der Methodik zu liefern.

Es werden aber auch Forschungen zur Optimierung verschiedener Verfahren zum Humusaufbau, wie sie in der ökologischen Landwirtschaft zur Anwendung kommen (z. B. durch Mulchen, Flächenkompostierung) im Sinne des biozyklisch-veganen Landbaus eine wichtige Rolle spielen, wobei es gilt, für unterschiedliche Klima- und Bodenverhältnisse die jeweils optimale Verfahrensweise zu finden.

Im Rahmen des biozyklisch-veganen Anbaus wird biozyklische Humuserde und deren großflächiger Einsatz künftig im Zentrum aller Bemühungen um Boden-, Gewässer-, Klima- und Ressourcenschutz stehen.