Der biozyklisch-vegane Anbau beschreibt weltweit anwendbare Grundregeln (vgl. „Die Merkmale“) für einen konsequent nachhaltigen Öko-Landbau ohne landwirtschaftliche Tierhaltung oder die Nutzung von organischen Handelsdüngern aus möglicherweise antibiotikabelasteten Schlachthofabfällen. Es handelt sich dabei um einen kreislauforientierten Ökolandbau, der vor allem mithilfe von Kompostierung, Mischkulturen, Mulchen und vorbeugender Schädlingskontrolle durch Nützlingshabitate ermöglicht, nachhaltig und effizient gesunde Lebensmittel ohne Antibiotikarückstände zu erzeugen. Wesentlich für dieses Anbausystem ist auch der Schwerpunkt in der Förderung der Artenvielfalt und der Fokus auf die Ökologie. Die biozyklisch-vegane Bewirtschaftung wirkt sich in vielerlei Hinsicht positiv auf Boden, Wasser, Ökologie und Klima aus (vgl. „Die Vorteile“), da sie natürliche Kreisläufe wiederherstellt und die Selbstheilungskräfte eines (Agrar-)Ökosystems fördert.

Vielfalt auf dem Gemüseacker des Biohof Hausmann

Die Bedeutung des Begriffs „biozyklisch“

Die heute vorherrschende Form der Landwirtschaft ist gekennzeichnet durch eine nicht geschlossene Produktionsweise, bei der der Mensch die Ressourcen der Natur nutzt, ohne dafür einen entsprechenden Ausgleich zu schaffen, welcher ihm die dauernde und uneingeschränkte Verfügbarkeit dieser Ressourcen auch in Zukunft sichern würde. Im Gegensatz zu diesem nicht-nachhaltigen Ansatz steht die biozyklische Idee, deren Ziel die Erhaltung bzw. Wiederherstellung gesunder Lebenskreisläufe (gr.: „bios” = Leben + „kyklos” = Kreislauf) in umfassendem Sinne ist, und zwar in allen Bereichen der menschlichen Existenz. Dies betrifft das Verhältnis des Menschen zu seiner gesamten Mitwelt – zu Menschen, Tieren und auch zu Pflanzen – und bedingt einen verantwortungsvollen Umgang mit der von ihm genutzten und beeinflussten Umwelt. Jegliches Handeln und Wirtschaften sollte daher in ganzheitlichem Kontext erfolgen mit dem Ziel, auch im Bereich der Agrar- und Ernährungswirtschaft einen bewussten und nachhaltigen Beitrag für eine zukunftsfähige Entwicklung zu leisten.

Um Naturprodukte aus gesunden Kreisläufen zu erzeugen, ist ein Ansatz erforderlich, der vom gesunden Boden über die gesunde Pflanze zum gesunden Menschen führt. Nur so kann der biozyklische „Kreislauf der lebendigen Substanz“ (Dr. med. habil. Hans-Peter Rusch) lückenlos und nachhaltig im Einklang mit den Naturgesetzen beeinflusst und veredelt werden. Nur kreislaufbetontes Wirtschaften führt aufgrund systemkompatibler Vernetzungen zu einer gleichzeitigen Nutzenstiftung in verschiedenen Bereichen wie Gesundheit, Umwelt, Welternährung und Tierethik.

Notwendigkeit der Abkehr von der landwirtschaftlichen Tierhaltung

Eine zunehmende Zahl von wissenschaftlichen Studien aus den unterschiedlichsten Fachgebieten belegt eindeutig, dass die derzeitige Produktion und der Konsum von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs mit gravierenden negativen Effekten für Umwelt, Klima, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und Ernährungssicherung – auch in globaler Dimension – einhergehen. Zudem sind die Produktionsbedingungen, wie sie sich aus der vorherrschenden Praxis der Zucht, der Haltung, des Transports und der Schlachtung von Tieren ergeben, aus ethischer Sicht schon lange nicht mehr tragbar.

Zwar gibt es Bestrebungen, den Konsum von Produkten tierischen Ursprungs zu reduzieren und auch in der konventionellen Landwirtschaft die Haltungsbedingungen von Nutz- und Schlachttieren artgerechter zu gestalten. Vor dem Hintergrund der regionalen und globalen Herausforderungen sowie der derzeitigen gesellschaftlich stark voranschreitenden moralischen Aufwertung der Tiere, die sich u. a. auf einen fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu den Potentialen tierlicher Intelligenz, Empfindsamkeit – und damit auch tierlicher Leidensfähigkeit – gründet und die zu einer grundlegenden Neubewertung des Mensch-Tier-Verhältnisses führt, sind derartige „Tierwohl“-Initiativen für eine „artgerechte“ bzw. „wesensgemäße“ Tierhaltung nicht wirklich überzeugend. Es zeigt sich vielmehr immer deutlicher die ethische Notwendigkeit, in Zukunft gänzlich vom Konsum tierischer Produkte abzusehen auch unter der Perspektive einer effizienteren Kalorien- und Ressourcennutzung. Einer solchen Zielsetzung steht jedoch eine Landwirtschaft, die von ihrem Selbstverständnis her an die Herstellung von Erzeugnissen tierischen Ursprungs gekoppelt ist, in letzter Konsequenz entgegen.

Biozyklisch-veganer Anbau als weltweite Alternative

In weiten Kreisen gilt es inzwischen als anerkannt, dass eine globale Ausweitung der ökologischen Landwirtschaft einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung leisten könnte. Aber es wird selten bedacht, dass eine solche von ihren Ansätzen her sicher begrüßenswerte Ausweitung des Ökolandbaus unter Beibehaltung der bislang praktizierten Methoden, welche eine Kombination von Tierhaltung- und Pflanzenbau zur Grundlage haben, aus den im vorigen Abschnitt genannten Gründen nicht wirklich zielführend ist.

Demgegenüber geht die biozyklisch-vegane Idee davon aus, dass es erforderlich und möglich ist, auch ohne die Züchtung und Haltung von Schlachttieren und ohne den Einsatz von Betriebsmitteln tierischen Ursprungs eine größtmögliche natürliche Bodenfruchtbarkeit zu erhalten bzw. aufzubauen und dabei gleichzeitig eine ganzheitlich wirkende biozyklische Betriebseinheit auf ökologischer Grundlage zu schaffen. Dabei dürfen die zur Gewinnung von Nahrungsmitteln für den Menschen herangezogenen landwirtschaftlichen Flächen weder mit tierischem Dung (Gülle und Festmist), ob in frischer oder kompostierter Form, noch Schlachtabfällen jedweder Art oder anderen Präparaten tierischen Ursprungs gedüngt oder anderweitig behandelt werden.

Diese Prinzipien wurden bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von ersten Landbaupionieren aus der Vegetarier- und Reformbewegung postuliert und später in den fünfziger Jahren von Adolf Hoops weiterentwickelt. Sie haben sich seitdem in der Praxis vielfach bewährt und stehen heute als „Biozyklisch-Vegane Richtlinien“ in vollem Einklang mit den Anforderungen an eine kreislaufbasierte vegane Landbewirtschaftung, wie sie in den letzten Jahrzehnten von anderer Seite formuliert wurden.

 

Die biozyklisch-vegane Bewirtschaftung bietet sich nicht nur als Alternative in Regionen der gemäßigten Zonen mit klassischen Gemischtbetrieben an, sondern in besonderem Maße auch dort, wo eine Kombination aus Pflanzenbau und Tierhaltung traditionell nicht gegeben bzw. nicht möglich ist.

Biozyklisch-veganer Anbau steht für eine Bio-Landwirtschaft mit Bodenhaftung, in der die Erzeuger_innen mit bäuerlicher Verbundenheit zu Boden, Pflanze und Umwelt zu Werke gehen, unabhängig von Größe, Struktur oder Spezialisierung des Betriebs. Kooperation und Sorgfalt im Umgang mit allem Lebendigen sind daher entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg der Betriebe und die Qualität ihrer Produkte.

 

 

 

Dr. agr. Johannes Eisenbach erntet
einen biozyklisch-veganen Salatkopf